Aktion Standesamt: mehr als das Recht auf mein Geschlecht!

Dies ist die Rede, die wir im Rahmen der Aktionswoche der Kampagne Aktion Standesamt 2018 in Frankfurt am Main im Oktober 2018 gehalten haben. Ihr könnt sie euch auch als Audiodatei anhören: soundcloud.com/riotsam/suq-rede-zum-dritten-geschlechtseintrag-oktober-2018

Warum es bei der Aktion Standesamt um mehr geht als um das Recht auf mein Geschlecht

Rosa oder Hellblau, Männer- oder Frauentoilette, Knöpfe links oder Knöpfe rechts, Liebe oder Lieber, Herr oder Frau, Mädchen oder Junge, Hopp oder Topp.

Jeden Tag, werden wir in eine von zwei Kategorien eingeordnet oder werden dazu gezwungen es selbst zu tun. Wenn wir in einem Kaufhaus Klamotten kaufen wollen, müssen wir uns als erstes entscheiden, ob wir in die „Frauen“- oder in die „Herren“-Abteilung gehen. Selbst für so etwas wie die banale Frage des Sockenkaufs ist es notwendig, sich zuzuordnen in eine von zwei klar voneinander getrennten und scheinbar ganz unterschiedlichen Kategorien. Jede offizielle E-Mail, die wir erhalten beginnt mit einem Sehr geehrte Frau oder Sehr geehrter Herr – oder wenn es etwas persönlicher sein soll mit „Liebe“ oder „Lieber“.

Wer nicht in eine dieser beiden Kategorien passt kommt nicht vor, wird passend gemacht oder ignoriert. Jeden Tag und immer wieder. In offiziellen Anschreiben, auf Ämtern, in Schulen, Universitäten, im Betrieb, aber auch in Medien und Gesellschaft. Und nicht zuletzt in all den alltäglichen Interaktionen mit Fremden, Bekannten, mit Freund*innen und Familien, die einsortieren: Rosa oder Hellblau, Männer- oder Frauentoilette, Knöpfe links oder Knöpfe rechts, Liebe oder Lieber, Herr oder Frau, Mädchen oder Junge, Hopp oder Topp.

Wer darf bestimmen, ob es mich gibt?

Judith Butler hat mal gesagt: „Der Gedanke an ein mögliches Leben ist nur für diejenigen ein Luxus, die bereits selber wissen, dass es möglich ist. Für diejenigen, die weiter darauf hoffen, möglich zu werden, ist die Möglichkeit eine Notwendigkeit“[1]. Und genau darum geht es zunächst einmal für nicht binäre Menschen, für Trans und Inter. Es geht um das, was für viele Menschen selbstverständlich scheint: möglich zu sein. Für Trans, Inter und Nicht-Binäre Menschen ist es immer noch – heute und jetzt – radikal zu sagen: Wir existieren. Ist es radikal zu sagen: Wir kämpfen für die Möglichkeit zu sein, wer wird sind. Denn das zu sagen und dafür zu kämpfen, ist weder selbstverständlich noch sicher. Das zu sagen und dafür zu kämpfen, bedeutet verleugnet, verletzt und für krank erklärt zu werden. Das zu sagen, bedeutet Spott und Gewalt zu ertragen, abgewertet und nicht ernst genommen zu werden. Immer noch – immer wieder.

Doch wie werden wir möglich? Durch einen Eintrag in unserem Pass? Durch eine Änderung des Personenstands? Dadurch dass der Staat uns anerkennt? Ja und Nein, vielleicht ein bisschen, aber auf keinen Fall schon wirklich. Mit der Aktion Standesamt 2018 kämpfen wir für einen selbstbestimmten Geschlechtseintrag. Dafür, dass alle selbst entscheiden können, welches Geschlecht für sie passt. Dafür, dass es mehr als zwei Optionen gibt, und für die staatliche und rechtliche Anerkennung von Inter, Trans und Nicht-Binären Menschen. Wir kämpfen darum, dass die Bürokratie anerkennt, dass wir existieren. Dafür, dass ich mich auf mein Recht berufen kann mein Geschlecht zu bestimmen.

Über den Staat hinaus denken

Das ist ein wichtiger Kampf, weil die rechtliche Anerkennung bedeuten würde, dass wir vom Staat als existierende Menschen anerkannt werden. Dass wir ein Recht darauf bekomme, die Personen zu sein, die wir sind. Und dass wir diese auch bei Behörden, beim Arbeiten, beim Blutspenden und beim Einrichten eines Kontos, beim Anmelden einer Demonstration sein dürfen. Das ist auch ein wichtiger Kampf, weil es bedeuten würde, dass der Staat uns nicht mehr aus Ordnungsinteressen in ein System pressen kann, dass für uns wie für viele andere nicht stimmt, sondern uns Gewalt antut und unsichtbar macht.

Doch wenn unser Forderung nicht darüber hinaus geht, ein staatliches Recht einzufordern, sind wir im besten Fall naiv. Wenn unser Ruf nach Veränderung beim Kampf um staatliche Anerkennung stehen bleibt, dann ist er halbgar. Denn dann denkt er nicht mit, dass Anerkennung immer in Herrschaftsverhältnissen geschieht und von diesen durchdrungen ist. Dann denkt er nicht mit, dass Anerkennung unter Herrschaftsinteressen verteilt wird.

Weiterkämpfen, jetzt erst recht!

Es kann für uns nicht nur um die Anerkennung durch den Staat gehen, denn damit ist noch nicht viel gewonnen! Der Staat erkennt auch die kapitalistische Gesellschaftsordnung an. Er erkennt an, dass Informationen über Abtreibungen illegale „Werbung“ sind. Er erkennt an, dass die Abschiebung von Menschen den Rechten des Staats entspricht und dass Seenotrettung ein Verbrechen sei.

Wenn wir soeben beim Standesamt beantragt haben, dass der Staat das Geschlecht eintragen soll, das wir sind – ohne Gutachten und ohne dass irgendjemand anders meint dies für uns entscheiden zu können –, dann kämpfen wir nicht (nur) für die staatliche Anerkennung einer Realität. Sondern dann versuche wir – vermessen wie wir sind – durch diesen Antrag auch Teil davon zu sein, Heteronormativität, das Patriachat und die zweigeschlechtliche Ordnung Infrage zu stellen und ins Wanken zu bringen. Der Antrag ist ein Symbol und ein Zeichen für unseren Widerstand gegen diese gesellschaftliche Ordnung. Und deswegen darf es nicht dabei bleiben, dass wir uns zusammen finden um gemeinsam Anträge zu stellen – so wichtig es ist –, sondern deswegen müssen wir uns organisieren, auf die Straße gehen, Öffentlichkeit und Widerspruch erzeugen.

Die Aktion Standesamt kann in diesem Sinne nur ein Baustein sein im Kampf gegen Heteronormativität, Patriachat und die zweigeschlechtliche Ordnung. Sie sollte ein Startpunkt sein, um uns zu sammeln, zu organisieren und weiterzukämpfen!

 

[1] Judith Butler 2009: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 348

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