Queere & feministische Bewegungen müssen zueinander finden

Dies ist die Rede, die wir am 8. März 2018 gehalten haben, an der Alten Oper während der Demo vom 8. März Bündnis für queer-/feministische Kampftage (Ffm). Der 8. März ist traditionellerweise internationaler Frauenkampftag. In unserer Rede erklären wir, welchen Bezug wir als queere Gruppe zu den damit verbundenen Kämpfen haben. Queere & feministische Bewegungen müssen zueinander finden!

Wir sind SUQ. solidarisch unaufgefordert queer.

Als queere Gruppe verstehen wir uns als Teil feministischer Kämpfe. Wir sehen die Bedeutung von lesbischem Feminismus für die Frauenbewegungen und für die Entwicklung queerer Bewegungen. Ohne Lesben keine Frauenbewegung. Kein queerer Kampf ohne die Sichtbarkeit von lesbischen Identitäten.

Wir sind solidarisch. Solidarisch mit feministischen Bewegungen und den Kämpfen von Frauen gegen patriarchale Strukturen. Wir sind Teil feministischer Bewegungen früher, heute und in Zukunft. Als queere Gruppe fordern wir nicht die Abschaffung alles Weiblichen, sondern die Dekonstruktion von Geschlecht. Das bedeutet für uns, die Geschlechterhierarchie und -binarität abzuschaffen und über die eigene Geschlechtlichkeit bestimmen zu können. Bestimmen zu können, über meine Identität, meinen Körper, meine Sexualität und meine Beziehungen.

Es sind heteronormative und patriarchale Zwänge, die das bis heute verhindern. Aus diesem Grund ist ein queerer Kampf immer auch ein antipatriarchaler Kampf. Oder im Hinblick auf unsere gemeinsamen Gegner gesagt: Antifeminismus ist auch immer homofeindlich!

Diese Ausrichtung gegen das Patriarchat macht für uns den 8. März zu einem wichtigen politischen Datum für queere Kämpfe.

Vor drei Jahren hielten unsere Freund*innen vom Vernetzungsstammtisch queerfeministisch Biertrinken auf der Zeil eine Rede zum 8.3., die uns noch lange in Erinnerung geblieben ist. Sie erzählten von ihren Erfahrungen, die wir heute zitieren wollen:

Anna, Auszubildende zur Industriemechanikerin, berichtete:

Wenn an der Maschine was nicht funktioniert, heißt es: „War ja klar, bist ja ne Frau.“ Wenn es aber funktioniert oder ich was richtig gut kann, heißt es: „Kein Wunder, bist ja eh ein halber Mann“ oder „ne Kampflesbe“. Aber sehe ich mich selbst als Lesbe? Als Frau? Mein Kollege sieht sich als Mann und mich als Frau. Alles, was gut ist, ist männlich. Alles, was schlecht ist, ist weiblich. Oft ist es so, dass ich aus politischen Gründen das Gefühl habe, das Geschlecht „Frau“ zu repräsentieren und in der Rolle aufwerten zu müssen. Ich möchte zeigen, dass Frauen genauso gut an Maschinen arbeiten können wie Männer – das ist ja schließlich auch so. Auf der anderen Seite identifiziere ich mich aber meist gar nicht mit diesem Geschlecht. Einerseits habe ich also das Gefühl, als Frau für die Mechanikerinnen eine Lanze brechen zu müssen und auch zu wollen, indem ich zeige, wie gut ich in meinem Beruf bin. Andererseits fühle ich mich falsch dabei, weil ich die Schublade der Frau gar nicht möchte.

Diese Erfahrungen stehen für queere Personen, die nicht oder nicht immer weiblich oder männlich sind und die mit ihren Erfahrungen in bestehende Strukturen nicht reinpassen. „Queer“ heißt nicht, sich aus der politischen Verantwortung zu ziehen, sondern alltäglich gegen das Patriarchat zu kämpfen. In bestimmten Situationen ist es wichtig, bewusst als Frau, Trans, Mann, Nichtbinär oder andere Geschlechter aufzutreten, um gegen Diskriminierung vorgehen zu können und diese zu benennen. Wenn wir uns in Alltagssituationen als Mann oder Frau, als schwul, bi, lesbisch zu erkennen geben, hat dies auch politische Gründe.

Geschlechtlichkeit ist nicht beliebig. Sie hängt stark von der Umgebung ab und davon, was uns in dem jeweiligen Moment wichtig und möglich ist. Unsere Art uns auszudrücken, wird von einer Geschlechterordnung eingeschränkt, die sich an Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität orientiert.

Solidarität ist eine Entscheidung, die wir treffen müssen! In politischen, persönlichen und kollektiven Auseinandersetzung mit diesen Machtstrukturen. Wir müssen in zwei Richtungen gleichzeitig kämpfen: Geschlecht auflösen. Und gemeinsame Banden gegen das Patriarchat bilden.

Das kollektive Erobern von Selbstbestimmung ist der Kern anti-patriarchaler Kämpfe. Denn ein zentrales Element des Patriarchats ist es, über unsere Körper, Identitäten und Sexualitäten zu entscheiden – oft mit dem Argument, uns vor uns selbst zu schützen. Ärzt_innen, Eltern, Lehrkräfte, Richter_innen, Vorgesetzte. Menschen die in unserer Gesellschaft die Macht haben es „besser zu wissen“ entscheiden tagtäglich über uns.

Wir stehen hier unter dem Slogan: My Body, My Choice – Our Riots, Our Voice!

My Choice verweist auf die Forderung von Entscheidungsmöglichkeiten, von echten Alternativen.

Die mutige queere Kampagne „Dritte Option“ hat letztes Jahr eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts erreicht, die bestätigt: Ja, wir haben Grundrechte auf eine selbstbestimmte Geschlechtsidentität. Ja, Männlich und weiblich ist nicht genug. Ja, es braucht einen dritten positiven Geschlechtseintrag in offiziellen Dokumenten.

Damit dieser juristische Hoffnungsschimmer nicht durch die neue Bundesregierung auf das Minimum gekürzt wird oder neue biologistische Zugangshürden geschaffen werden, müssen wir weiter über Selbstbestimmung sprechen. Wir als SUQ sind Teil der bundesweiten Aktion Standesamt. Wir werden dieses Jahr nutzen, um aktiv für die staatliche Anerkennung von Geschlechtervielfalt zu kämpfen.

My Body, mein Geschlecht ist konstruiert, es ist erfunden, eine Imagination!

Und gleichzeitig ist es echt und real. Wenn wir über Selbstbestimmung und über Körper sprechen, dann fordern wir nicht nur mehr Choice, also mehr Wahlmöglichkeiten, sondern auch die Auseinandersetzung mit der Materialität von Geschlecht. Mit den Voraussetzungen, Geschlechter leben zu können, mit der Art und Weise, wie in unserer Gesellschaft mit Körpern umgegangen wird.

Wir müssen die Operationen an intergeschlechtlichen Kindern, die sie zu “echten” Mädchen oder Jungen machen sollen, stoppen. Sofort. Biologie kennt mehr als zwei Geschlechter, und das nicht nur als Ausnahme. Nur wenn wir Vielfalt auch auf einer körperlichen Ebene anerkennen, macht ein X oder ein “divers” im Pass überhaupt Sinn.

Körperliche Selbstbestimmung ist individuell aber keine Privatsache.

Es ist unsere politische Aufgabe gegen die patriarchale Gesellschaftsordnung zu kämpfen Wir müssen diese Ordnung, die einteilt und bewertet gemeinsam und immer wieder angreifen.

Wir als gesamte Gesellschaft müssen uns gegen Operationen an Inter-Kids entscheiden.

Wir müssen uns gegen die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen wehren.

Wir müssen uns kostenlose Verhütungsmittel und sexuelle Bildung organisieren.

Wir müssen uns für den kostenfreien Zugang von Trans* zu Körperveränderungen einsetzen.

Queere und feministische Bewegungen müssen Verbindungen zueinander finden. Wir sind als queere Gruppe für die Abschaffung der §§ 218 und 219. Wir sind solidarisch mit unseren Freund_innen, die sich für oder gegen Schwangerschaften entscheiden.

Wir kämpfen gemeinsam für körperliche Selbstbestimmung.

Wir wollen die Verbindungen zu einander suchen! Wir wollen diesem Patriarchat ein Endes setzen! Gemeinsam! Solidarisch! Unaufgefordert! Queer!

Für ein selbstbestimmtes und besseres Leben für alle!

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